Flugtag 2005
Kontraste, Exoten, Nostalgie und Jet-Romantik: Atemberaubende, himmlische Stunts über der "Hub"
Internationaler Großflugtag 2005 in Breitscheid: Es regnet junge Hunde. Startbahn und Zuschauerfdeld stehen knöcheltief unter Wasser, die dicken, windgepeitschten dunklen Wolken hecheln so tief über den Platz, dass sie sich schon in den unteren Ästen der das Flugfeld säumenden Bäume verfangen. Trostlos, ungemütlich, deprimierend. Ein Albtraum! Doch: Weder „Krähen“ und „Grillen“ noch „Raaben“ und „Eichhörner“ mussten zu Fuß gehen. Dieses niederschmetternde Bild hat der Westerwälder „Airport“ erst am darauffolgenden Montag geboten – und zu diesem Zeitpunkt war die große Luftfahrtshow vom Wochenende längst gelaufen – und gut obendrein. So ein Wetterglück ist fast schon unheimlich. Während ringsherum die von den Meteorologen vorhergesagten Schauer niederprasselten, öffnete sich über Breitscheid ein auf einen Radius von wenigen Kilometern begrenztes Schönwetter-Loch. Petrus (oder wer auch immer) hatte der Luftsportgruppe Breitscheid-Haiger und ihren annähernd 10.000 staunenden Gästen eine Atempause verschafft, die es ihnen ermöglichte, die mit vier Stunden Dauer reichlich üppig bemessene himmlische Gala trockenen Fußes und trockenen Hauptes zu genießen. Sekunden, nachdem der letzte, von Walter Eichhorn gesteuerte Düsen-Jet, eine „Let 29“, mit heulendem Triebwerk über die Wipfel geheizt war und für einen furiosen Programmabschluss gesorgt hatte, öffneten sich die Schleusen des Himmels wieder – und das durften sie dann auch ruhig. So etwas nennt man Timing!
Hochklassige Piloten machten den Luftraum zur Manege
Hochklassige Piloten aus ganz Europa hatten dem staunenden Publikum zuvor nonstop einen faszinierenden Querschnitt aus der Welt der Luftfahrt serviert, wobei das Spektrum der teilnehmenden Maschinen von uralt bis supermodern reichte. Vom Drehflügler über Hochleistungs-Segler, von der strahlgetriebenen „Lötlampe“ bis hin zum hochgezüchteten Turbo-Prop-Boliden oder dem eher bedächtigen Nostalgie-Vogel war die gesamte Palette der Fliegerei versammelt - Exoten und Unikate inklusive. Die meisten der Teilnehmermaschinen hatten sich bereits am Samstag die Ehre gegeben und den vielen Zaungästen im Rahmen eines stattlich besuchten „Tags der offenen Tür“ einen Vorgeschmack dessen gelifert, was diese in potenzierter Form am Sonntag erwarten würde. Dabei war das Wetter freilich durchwachsen, wodurch sich viele am nächsten Tag von einem Besuch abhalten ließen. Selbst schuld: Sie haben etwas verpasst!
Klein, aber fein: Dirk Heuer und sein „Bonsai-Bomber“
Es war auch ein Aero-Circus der Kontraste, hier die wuchtige „Transall“ der Bundesluftwaffe, daneben Dirk Heuers „Bonsai-Bomber“, die „Cri-Cri“. Das kleinste zweimotorige Flugzeug der Welt (3,91 Meter lang, 1,20 Meter hoch) passt in jeden Hundeanhänger – und wird auch mit etwas ähnlichem transportiert. Doch diese „Grille“ mit ihren beiden 15-PS-Motörchen hat Biss, wie der symphatische Dörentruper bewies. Bis vor kurzem hatte der Ex-Polizist noch den Eigen-Nachbau einer Focke-Wulf FW 190 im Maßstab 1:2 „unter Waffen“ gehabt, konzentriert sich aber jetzt nur noch auf sein geliebtes „Insekt“, mit dem er 1988 letztmals am Westerwälder Himmel erschienen war. Rasante, mit unglaublicher Präzison gesteuerte Kunstflugfiguren ließen den Zuschauern den Atem stocken. Da wurde nicht wenigen schon vom reinen Zusehen schlecht, da schienen mitunter sämtliche Gesetze der Physik über den Haufen geworfen. Henry Bohlig beispielsweise, Ex-Vize-Weltmeister im Segelkunsflug, demonstrierte mit seiner YAK 55, dass er auch motorisiert zur Weltspitze gehört. Der Biberacher lieferte „Aerobatic at his best“. Fürs Auge, aber auch fürs Ohr gab’s an diesem ereignisreichen Nachmittag die volle Packung, wobei die Formation mit gleich vier T 6-Maschinen sicherlich zu den optischen Highlights der Show gehörte. So etwas dürfte man/frau so schnell nicht wieder geboten bekommen. Und als Vater und Sohn Eichhorn schließlich aus diesem flotten Vierer, den Georg Raab und Josef Schumacher komplettiert hatten, ausscherten, um ihr eigenes Ding zu drehen, wurde klar, warum die beiden „Flying Legends“ auf keinem europäischen Flugtag, der etwas auf sich hält, fehlen dürfen. Aber auch Raab ist auf der „Hub“ ein gern gesehener und gefeierter Gast und war an diesem Wochenende gleich in doppelter Mission unterwegs. Neben der T 6 hatten er und seine Freunde auch ihre ebenfalls gelblackierte Boeing PT-17 „Stearmann“ mitgebracht.
„Warbirds“ und alte Tanten
Etwas gemütlicher, aber optisch nicht weniger eindrucksvoll ging es zu, als vier betagte Bücker-Jungmann-Doppeldecker gemächlich in den Himmel stiegen, um sich daselbst zu einem beschwingten Quartett zu vereinigen. Zu den historischen Raritäten gehörte die von Karsten Uwe Badow pilotierte Me-108 „Taifun“ (Baujahr 1940), das Traditionsflugzeug der Lufthansa, während es ebenfalls schon ein paar Jährchen her ist, dass die „Old Crow“ vom Produktionsband gerollt ist. Mit der schnittigen, fast 700 Stundenkilometer schnellen und 1490 PS starken P-51 D „Mustang“ hatten sich die Amerikaner in den letzten Wochen des zweiten Weltkriegs die Luftüberlegenheit endgültig sichern können Anders Saethers Demonstrationen ließen erahnen, warum. Die „alte Krähe“ von der „Scandinavian Historic Flight“ hatte man kurzfristig als Ersatz für die Me 109 gewinnen können, nachdem die „rote 7“ bei einer Landung auf ihrem Heimathorst im Schwäbischen arg beschädigt worden war.
Fliegende Feuerwehr
Konkurrenz für die Feuerwehr am Boden tauchte in Gestalt der PZL-106 „Kruk“ am Horizont auf. Das Löschflugzeug aus der Flotte der ehemaligen DDR-Agrarflugstaffel ist das Letzte (flugfähige) seiner Art. Dieter Gehling, Pilot und stolzer Eigentümer des außergewöhnlichen Brummers, der fast in der Luft stehen kann, hatte zwar keinen Tiger im Tank, dafür aber 500 Liter Wasser. Diese ließ er im Tiefangriff über mehreren auf dem Flugfeld entzündeten Heuballen abregnen. Ein tolles Bild. Da klickten die Auslöser hunderter Kameras. Etwas schwieriger, das Motiv gestochen scharf auf den Chip bzw. den Film bannen, war es da schon, wenn Eddie Todd mit seinem schwarzen Blitz durch den Luftraum heizte.
Als Passagier in der „Lötlampe“ turnen
Mit seinem Jet-Provost MK IV, einem ehemaligen Erdkampf-Unterstützungsflugzeug der Royal Air Force, war der flotte Brite die Attraktion des Flugtages, vor allem auch, weil er wagemutigen Passagieren die Möglichkeit zum Mitflug bot. Das hätte er sich mal besser überlegt. Die einmalige Chance, in einem Düsenjet Platz zu nehmen und mit und in selbigem ein veritables Kunstflugprogramm zu absolvieren, wollte genutzt sein. Mit dem Ergebnis, dass der Engländer an beiden Tagen kaum aus dem Cockpit herauskam. Dutzende von Aero-Fans – man gönnt sich ja sonst nix – griffen da natürlich zu.
Der „Macho“ drehte wieder auf
Rund- und Passagierflüge waren u.a. auch mit einer Antonov AN 2, dem größten einmotorigen Doppeldecker der Welt, der im 50-er Jahre Design gehaltenen zweimotorigen De Havilland „Dove“ des Ferienfliegers LTU sowie mit der YAK 11 möglich. Wieviel Wendigkeit und Power dieses russische Kraftpaket besitzt, bekundete Manfred Rusche in eindrucksvollen Lektionen. Ja und der „Macho“ – keine Feier ohne Meier – durfte natürlich auch nicht fehlen. Ralf Niebergalls 1967 gebaute SF-260 „SIAI-Marchetti“ ist ein echter Militär-Veteran mit einer bewegten Vergangenheit – und immer eine Augenweide, vor allem dann, wenn der Neuwieder sein in der Original-Lackierung der belgischen Luftstreitkräfte gehaltenes „Juwel“ bis an seine Leistunsgrenzen treibt. Knapp zehn Jahre mehr auf den Holmen und ein klein wenig „vollschlanker“ ist die Piaggio P 149 D. In Breitscheid ging die älteste in Deutschland gebaute Maschine dieses Typs (Werknummer 003, Baujahr 1958) an den Start. Neueren Datums sind die Eurocopter EC 145 und 155, mit denen Polizei und Bundesgrenzschutz die Zunft der Hubschrauberfliegerei repräsentierten.
Laut und leise
Ganz leise hatte es begonnen, lautstark endete es. Während die „Syncro Gliders“ Henry Bohlig und Mike Rottland mit ihre „Swifts“ gleich zu Anfang die wohl ästhetischste flugsportliche Disziplin, den Segelkunstflug, brillant und meisterhaft in Szene gesetzt hatten, zeigte Walter Eichhorn der Menge mit seiner Düsen-Let zum krönen Abschluss noch einmal, wo der Hammer hängt.
Die nächste Airshow voraussichtlich in 2007
Angesichts der imposanten Luftarmada, die Airshow-Manager Stefan Langer da aufgeboten hatte, fiel das Ausbleiben zweier weiterer „Schmankerl“ kaum ins Gewicht – und auf. Der historische, heuer in den Niederlanden stationierte B-25-Bomber hatte wegen schlechten Wetters auf seinem Heimatflugplatz nicht strarten können, während ein Hydraulikschaden die A-26 Invader in Norwegen ans Bett bzw. die Werft gefesselt hatte. Dann vielleicht beim nächsten Mal wieder. Ein solches soll und wird es auf jeden Fall auch geben. Doch braucht die Luftsportgrguppe Breitscheid-Haiger nach dieser Kraftanstrengung erst einmal eine Atempause. Die Vorbereitung und Planung des Flugtages hatten imerhin mehr als ein Jahr in Anspruch genommen und viele Kräfte gebunden. Voraussichtlich im 2007 soll es dann einen Nachschlag geben. Gleiche Welle, gleiche Stelle.
Fotos: mit freundlicher Genehmigung von www.biplanes.de